Die Position des VSDL zum EDK Teilprojekt 1 zur langfristigen Sicherung des prüfungsfreien Hochschulzugangs



  • Fachorientierung

Der VSDL bedauert sehr, dass das Teilprojekt 1 strikte auf die Fächer ausgerichtet ist. Dieser Ansatz verfehlt u. E. sein Ziel. In der Umsetzung des Projekts müssen Mittel und Wege gefunden werden, eine fächerübergreifende Perspektive mit zu berücksichtigen.


  • Inputorientierung vs. Outcomeorientierung

Es scheint uns dringend notwendig, die Zielrichtung des Teilprojekt 1 in Bezug auf die Input- vs. Outputorientierung zu klären.


  • Aufwand und Allokation von Ressourcen

Die Frage nach den Ressourcen erscheint uns eine wichtige, da einige Kantone derzeit nicht davor zurückschrecken, auch das Basisfach Deutsch am Gymnasium in ihren Sparrunden einzubeziehen. Wir möchten von der EDK wissen, ob über diese Ressourcenfrage nachgedacht wurde und wie man sie zu lösen gedenkt.


  • Auftrag des Faches Deutsch am Gymnasium

Ohne zusätzliche zeitliche bzw. finanzielle Ressourcen steht zu befürchten, dass das Teilprojekt 1 zu einer Abwertung der allgemeinbildenden Bereiche des Deutschunterrichts führt. Der VSDL fordert von der EDK ein klares Bekenntnis zum allgemeinbildenden Auftrag des Faches Deutsch, das sich auch im Design der Reformvorhaben widerspiegelt.

 
Ausführliche Begründung der Position


Der VSDL beschäftigt sich seit Jahren mit der Schnittstelle Gymnasium-Universität und setzt sich aktiv für deren Verbesserung ein. Uns ist es ein grosses Anliegen, am Gymnasium Schülerinnen und Schüler auszubilden, die mit ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, ihrem Rezeptionsvermögen und ihrer Kompetenz, die Sprache und ihre vielfältigen Erzeugnisse zu reflektieren, an der Universität reüssieren. Unsere Stellungnahme zum Teilprojekt 1, basale Kompetenzen, stützt sich auf eine intensive Beschäftigung mit der Studierfähigkeit im Bereich der Erstsprachkompetenzen. So leitete der VSDL an der Konferenz Gymnasium-Universität auf dem Monte Verità eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Gymnasiallehrpersonen und Hochschuldozierenden, die sich mit der Optimierung des Übergangs befasste. Dabei wurden nicht nur die Vertreter der Germanistik einbezogen, der AG gelang es auch, die Vertreter der Fächer Mathematik und Geschichte in ihre Arbeit einzubeziehen. Der Bericht der AG mit verschiedenen Empfehlungen zur Sicherung der Studierfähigkeit findet sich auf der Homepage des VSDL.
Die Deutschblätter, das Mitglieder-Magazin des VSDL, befassen sich in ihrer Ausgabe 2011 ebenfalls mit der Schnittstelle Gymnasium-Universität und gehen in verschiedenen Artikeln vor allem der Entwicklung der Schreibkompetenzen nach.

Kontextualisierung der derzeitigen Reformbestrebungen
Der VSDL begrüsst grundsätzlich Forschungsprojekte im Bereich der Sprachkompetenz Studierender. Denn die Unterrichtssprache Deutsch sieht sich wie die Unterrichtssprachen der anderen Schweizer Sprachregionen mit verschiedenen gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, welche die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler beim Eintritt ins Gymnasium und vermutlich auch bei Studieneintritt mitbedingen. Neben einer grösser werdenden Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit mehrsprachigem Hintergrund sind auch die tiefgreifenden Veränderungen in der Bedeutung von Lesen und Schreiben als Kulturtechniken durch die neuen Medien (digitale Textverarbeitung, Hypertexte, neue am Mündlichen orientierte Schriftlichkeit in SMS und in sozialen Netzwerken etc.) Faktoren, die hierbei eine Rolle spielen. Eine wichtige Aufgabe der Bildungsforschung muss es sein, diese Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf den (Sprach-)Unterricht  zu untersuchen und in neue didaktische Settings zu übersetzen. In diesem Bereich gibt es aus unserer Sicht in den nächsten Jahren grossen Handlungsbedarf für alle Bildungsstufen.

In Anbetracht der genannten gesellschaftlich bedingten Herausforderungen erscheinen die Ergebnisse der EVAMAR II- Studie einigermassen beruhigend, zeigt sich doch, dass das Gros der Maturandinnen und Maturanden den Anforderungen eines Studiums gewachsen ist. Umso erstaunlicher erscheint uns der Beschluss der EDK, den Übergang Gymnasium-Universität mit einer grösseren Anzahl von Teilprojekten zu verbessern, wobei gerade die grundlegende Gleichstellung der Rahmenbedingung (mindestens vier Jahre Gymnasium für alle, Angleichung von Stundenzahlen auf nationaler Ebene) hintenan gestellt und dem Teilprojekt 5 nur zweite Priorität zugestanden wird. Auch der Umstand, dass die Erziehungsdirektoren auf nationaler Ebene mit den Teilprojekten eine Qualitätssteigerung fordern, gleichzeitig viele in ihren Kantonen Sparübungen durchführen müssen, die z.T. auch die Basisfächer betreffen, rückt die anstehenden Reformvorhaben in ein etwas schiefes Licht.

Aus der Sicht des Faches Deutsch ist es speziell das von Herrn Prof. Dr. Eberle geleitete Teilprojekt 1 zu den basalen Kompetenzen in Erstsprache und Mathematik, dessen Ziel und Ausrichtung in eine problematische Richtung zu gehen droht und zu dem hier deshalb kritisch Stellung genommen wird. Wir verweisen hierbei inhaltlich vor allem auf das Koreferat von Herrn Prof. Dr. Käser anlässlich des VSDL-Austauschs mit Herrn Prof. Dr. Eberle im November 2012. (Bildung und Schule). 

Fachorientierung
Ein wesentliches Argument und ein Konsens der Arbeitsgruppen an der Tagung auf dem Monte Verità besteht in der These, dass die Entwicklung der Kompetenz in der Unterrichtsprache kein Lernziel des Faches Deutsch allein ist. Vielmehr handelt es sich um eine fachübergreifende Aufgabe. Die spezifischen Eigenarten der Fachsprachen (Fachterminologien, sprachliche Aspekte fachspezifischer Weltmodellierung und Begriffsbildung, korrekter Umgang mit fachspezifischen Textsorten) kann das Fach Deutsch nicht im Alleingang entwickeln. Auch die Wertschätzung für die gelungene, d.h. sachlich zutreffende, kommunikativ funktionale und grammatikalisch korrekte Formulierung in unserem kulturellen Selbstverständnis kann nicht allein vom Fach Deutsch hergestellt und gefördert werden. Sie muss von allen Fächern gelebt, vermittelt und getragen werden.
Die Entwicklung der Sprachkompetenz in der Unterrichtssprache ist eine Aufgabe der Schulkultur und damit der fächerübergreifenden Zusammenarbeit der Lehrkräfte. Diesbezüglich wird an vielen Gymnasien Beachtliches geleistet. Diese Bemühungen müssen durch die Allokation von Ressourcen und durch fokussierte Begleitforschung und Grundlagenforschung an den Hochschulen vermehrt unterstützt werden.

Der VSDL bedauert deshalb sehr, dass das Teilprojekt 1 strikte auf die Fächer Deutsch und Mathematik ausgerichtet ist. Dieser Ansatz verfehlt u. E. sein Ziel.
In der Umsetzung des Projekts müssen Mittel und Wege gefunden werden, eine fächerübergreifende Perspektive mit zu berücksichtigen.


Inputorientierung vs. Outcomeorientierung
Ein weiteres Problem des Teilprojekts sehen wir darin, dass in seiner Ausschreibung nicht klar zwischen Fachinhalt und Kompetenz, zwischen Inputorientierung und Outcome-Orientierung unterschieden wird. "Unterrichtet" ist nicht gleich "gekonnt" und umgekehrt. Bezieht sich die zu erwartende Liste der basalen Fachkompetenzen nun auf curriculare Input-Inhalte oder geht es in einem argumentativ strengen Sinne um Outcome-Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler? Wenn Letzteres der Fall ist, dann stellt sich die Frage, von wem, nach welchen Kompetenz-Modellen, mit welchen Verfahren und mit welchen Ressourcen diese Outcome-Kompetenzen assessiert werden sollen?

Es scheint uns dringend notwendig, die Zielrichtung des Teilprojekt 1 in Bezug auf die Input- vs. Outputorientierung zu klären.

Aufwand und Allokation von Ressourcen
Der VSDL befürchtet, dass mit dem Teilprojekt 1 die Gefahr einer einseitig defizitorientierten Übersteuerung eines an sich recht gut funktionierenden Gesamtsystems besteht. An der Monte Verità-Tagung war Konsens, dass die Sicherstellung basaler Fachkompetenzen nur dann akzeptabel ist, wenn dazu Fördermassnahmen vorgesehen sind und wenn dazu die entsprechenden zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden. Der Ressourcenbedarf wird erheblich sein.

Die Frage nach den Ressourcen erscheint uns gerade deshalb eine wichtige, da einige Kantone derzeit nicht davor zurückschrecken, auch das Basisfach Deutsch am Gymnasium in ihren Sparrunden einzubeziehen.
Wir möchten von der EDK wissen, ob über diese Ressourcenfrage nachgedacht wurde und wie man sie zu lösen gedenkt.

Auftrag des Faches Deutsch am Gymnasium
Das Fach Deutsch am Gymnasium hat neben der Beschäftigung mit seinem eigentlichen Gegenstand, der deutschen Sprache und Literatur, wie jedes Fach Aufgaben im Bereich überfachlicher Kompetenzen zu erfüllen. Dazu gehört die Förderung und Ausbildung der Sprachkompetenzen in ganz besonderem Mass. Aber auch das Trainieren selbstorganisierten Lernens beispielsweise hat im Deutschunterricht eine lange Tradition. Die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer nehmen diesen Beitrag zur Ausbildung der Studierfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler sehr ernst. Entsprechend sind Forschungsprojekte, welche sprachliche Anforderungen an den Hochschulen untersuchen von grossem Interesse. Nichtsdestotrotz darf sich der Deutschunterricht nicht auf die Erstsprachenanwendung reduzieren lassen. Die EVAMAR II- Studie mit ihren politisch bedingten Schwerpunkten und das jetzt formulierte Teilprojekt 1 leisten leider genau dieser Reduktion Vorschub. Sprachreflexion und Literaturunterricht sind jedoch anerkannte Inhalte des gymnasialen Curriculums und gehören zu einer allgemeinbildenden gymnasialen Ausbildung.

Ohne zusätzliche zeitliche bzw. finanzielle Ressourcen steht zu befürchten, dass das Teilprojekt 1 zu einer Abwertung der allgemeinbildenden Bereiche des Deutschunterrichts führt.
Der VSDL fordert von der EDK ein klares Bekenntnis zum allgemeinbildenden Auftrag des Faches Deutsch, das sich auch im Design der Reformvorhaben widerspiegelt.